Die schwäbische Kehrwoche
Eine heilige Institution in Schwaben. Spätestens 60 Minuten nach Einzug in die Wohnung eines schwäbischen Mehrfamilienhauses solltest Du dich über diesen Ritus hausintern informieren, ansonsten wirst Du über die Rechte und Pflichten bezüglich der Kehrwoche aufgeklärt. Professionell geführte Häuser kennen verschiedene Abstufungen und Ausführungen wie “große” und “kleine” Kehrwoche. Zu den Standardaussagen der Mietshausältesten gehört die Frage: “Gell, Sie butzet aber au die Kandel naa?” (wörtlich: “Sie fegen aber auch den Rinnstein, oder?”
Dieses schwäbische Ritual ist bei fast jedem schwäbischen Kabarettisten in irgendeiner Form im Programm. Es ist auch ein unerschöpfliches Thema. Vor allem für alle Zugezogenen und Neigschmeggte ist diese schwäbische Erfindung entweder die Eingangstüre zum Schwabenherz oder eben gerade nicht…
Die Grundlagen der schwäbischen Kehrwoche
Die schwäbische Kehrwoche sollte korrekterweise württembergische Kehrwoche heißen, da Sie im Gebiet des ehemaligen Württemberg ersinnt wurde. Sie regelte die Reinigung gemeinschaftlich benutzter Bereiche in Mehrparteienwohnhäusern. Sie beruht auf einer Vielzahl von Erlassen, die seit Ende des 15. Jahrhunderts in Württemberg herausgekommen sind, um die Menschen zu Ordnung und Sauberkeit im häuslichen Umfeld anzuhalten.
Zwei Arten der schwäbischen Kehrwoche gibt es.
Die kleine Kehrwoche: Sie regelt das Putzen des Flurs und Treppenhauses zwischen Wohnungen auf einem Stockwerk.
Die große Kehrwoche: Sie regelt das feinsäuberliche Reinigen des Trottoirs (Gehwegs).
Bemerkenswertes der schwäbischen Kehrwoche
Auch die freundlichsten Nachbarn werden im Handumdrehen zu Deinen erbittertsten Feinden, wenn sie bemerken, dass Du Deine Kehrwoche nicht oder nur unzureichend ernst nimmst. Eine “Kittlschürz” ist dabei die Uniform der schwäbischen Hausfrau. Ein patchworkähnliches farbenfrohes Stück Stoff, vorne geknöpft und im Schnitt mehr breit als figurbetont. In Kombination mit Kniestümpfen verheißt diese Kleidungskombination beim Bücken mit der Kuddrschaufel erodische Ausblicke sofern die Trägerin frisch ist oder der Erblicker blind.
Wenn es am Samstagmorgen um 6.40 kleppert, scheppert und Du davon aufwachst dann weißt Du , dass das allwöchentliche Kehrwochenritual beginnt. Fremder beachte – Frauen mit bunten Kopftüchern die mit Hingabe fegen sind keine Muslimische Glaubensfrauen. Nein es sind die Putzteufel der Schwabenseele. Geräuschvoll wird für alle Nachbarn demonstriert, dass man als guter Schwabe seine schwäbische Pflicht wahrnimmt. Denn rücksichtsvolles Fegen und Schrubben ist erbärmlich, da die Nachbarn so Ihren Einsatz zur Kontroll-Tätigkeit verpassen könnten.
Darum beachte eine Hinzugezogener
- Erledige Deine Pflichten möglichst an einem Samstag-Vormittag. Hier ist die Chance am größten, das Du von allen anderen Mitbewohnern gesehen wirst. So eine Wahrnehmug Deiner Person steigert Dein Image und verleiht Dir sofort Bonuspunkte.
- Rücksichtsvolles leises Fegen und Schrubben ist erbärmlich, da die Nachbarn so Deinen Einsatz zum kontrollieren verpassen bzw. überhören könnten
- Machen immer etwas mehr als Du selbst schon für maßlos übertrieben hälts. Wenn Du unsicher bist ob Du es richtig gemacht hast, dann sauge mit dem Staubsauger den Gehweg und wische Ihn anschließend noch nass auf. Dafür bekommst Du anerkennende Worte wie “Ned schlecht gmacht.”
- Als Zugezogener bist Du im Haus ganz unten in der Rangfolge. Besuche den Hausältesten und Frage ihn fachlich und niemals überschwänglich (das macht Dich sonst verdächtig) um Rat und Tat. Am besten bittest Du Ihn um eine Einweisung . Als Dankeschön schenkst Du der Frau des Hausältesten auf keinen Fall Pralinen. Nein mache dieser Frau das größte Kompliment indem Du diese bei Ihrer Kehrwochenpflicht besuchst und zu ihr das schwäbischte aller Kompliment überhaupt machst und sagst: “Sie sead aber heid scho abgschafft aus….”
- Achtung ganz wichtig: Wenn Du keine Zeit zum Putzen hasst. Lasse das niemals eine professionelle Putzfrau machen. Da kommst Du in der Verruf. Unter der Hand wirst Du als faul und grosskotzig dargestellt. Das kommt einem Ausschluß aus der Schwabengemeinschaft gleich. Auf keinen Fall darfst Du Dich aber drumherumreden, denn damit verlierst Du das zukünftige Vertrauen und bist eine Gefahr für den Hausfrieden.
Und hier die Lösung: Da alle anderen Hausmitbewohner tüchtige Kehrwochenfanatiker sind, ist das Haus so sauber das man über Wochen hinweg fast überall vom Boden essen könnte. Nehme also ein gut duftendes Reinigungsmittel gebe dies in einen Blumenbestäuber und besprühe damit in einer Nacht und Nebelaktion das Treppenhaus. Am besten funktioniert dies wenn Du die Kehrwoche immer nach dem Hausältesten machst. Das ist garantiert noch alles sauber!
Es gilt also. Wenn Du als Zugezogener dich schnell im Schwabenland integrieren willst, dann mache Dich mit diesem einheimischem Brauchtum vertraut. Beschäftige Dich mit dem Arbeistmaterial wie Besen, Schrubber, Kehrblech und erlerne die wesentlichen Griff-, Halte, Schwung- und Schrubbtechniken . Und schon bald wirst Du in der Lage sein, selbständig ein Stück Straße zu kehren. Von unermesslichem Vorteil sind: Kopftuch, Kittelschürze und am Besen ein Rundholz von etwa dreieinhalb Zentimeter Durchmesser und mindestens einem Meter Länge. Deiner Integration steht somit fast nichts mehr im Wege.
Ein schwäbischer Dichter über die Kehrwoche und das daraus resultierende Lebensprinzip
Und auch der Dichter Eduard Mörike hat dazu etwas zu sagen: Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein!
Ach so ja der Bäsa (Besen) ist das wichtigste Werkzeug bei der Kehrwoche, zum anderen aber auch die Bezeichnung der typischen schwäbischen Weinstube. Hier können die Wengerter (Weingärtner) ihren selbstangebauten Wein ausschenken. Dies wird durch einen ausgehängten Besen symbolisiert (“Wo d’r Bäsâ hangt”).